Einheit 2: Interkulturelle Kompetenz und interkulturelle Kommunikation

Die Freizügigkeit der Menschen in Europa ist ein zentraler Part der Politik der Europäischen Union seit ihrer Gründung und nachdem 1985 das Schengen-Abkommen unterzeichnet worden ist, können EuropäerInnen innerhalb der EU unbeschränkt reisen und arbeiten. Gemeinsam mit dem Auswirkungen der Globalisierung und des Postkolonialismus bedeutet dies, dass die europäischen Gesellschaften kulturell vielfältiger geworden sind.

  Einführung

Die Freizügigkeit der Menschen in Europa ist ein zentraler Part der Politik der Europäischen Union seit ihrer Gründung und nachdem 1985 das Schengen-Abkommen unterzeichnet worden ist, können EuropäerInnen innerhalb der EU unbeschränkt reisen und arbeiten. Gemeinsam mit dem Auswirkungen der Globalisierung und des Postkolonialismus bedeutet dies, dass die europäischen Gesellschaften kulturell vielfältiger geworden sind. Im Jahr 2014 lebten darüber hinaus 33,5 Drittstaatsangehörige in den Mitgliedsstaaten der EU. (Eurostat 2015) So kommt es, dass die EU bei einer Population von über 500 Millionen Menschen eine der sprachlich und kulturell vielfältigsten Flächen der Erde ist. Beispielweise existieren innerhalb der EU-Grenzen drei verschiedene Alphabete, 24 Amtssprachen, 60 andere Sprachen und Menschen aus ungefähr 175 anderen Herkunftsstaaten (EC 2015), die wiederum alle ihr eigenes vielfältiges kulturelles und sprachliches Erbe haben.

Diese Vielfalt kann erhebliche Herausforderungen für im Gesundheits- und Sozialbereich arbeitende Personen erzeugen, speziell natürlich auch die Themen Altern und Sexualität, da diese Bereiche sehr stark vom jeweiligen kulturellen und traditionellen Background beeinflusst werden. Sprachbarrieren können diese Herausforderungen noch verstärken. Aus diesem Grund ist transkulturelle Kommunikation von essentieller Bedeutung im Gesundheits- und Sozialbereich.

 

  Kerninformationen

  • Interkulturelle Kommunikation wird im Gesundheits- und Sozialbereich immer mehr gebraucht.
  • Einflüsse der jeweiligen Herkunftskultur machen sich oft gerade bei Themen wie Altern, Sexualität und sexueller Gesundheit bemerkbar
  • Menschen, die im Sozial- und Gesundheitsbereich arbeiten sollten auch darauf achten, wie ihr eigener kultureller und/oder religiöse Background ihre Werte und Einstellungen geprägt hat.

  Lernziele 

  1. Sensibilisierung für die Wichtigkeit der Anerkennung von interkulturellen Ansätzen zur Kommunikation
  2. Förderung des kulturellen Bewusstseins der im Gesundheits- und Sozialbereich beschäftigten, damit sie sowohl ihren eigenen kulturellen Background als auch den der Klienten kennen
  3. Das Kennen von Strategien, wie man mit Klientengruppen von großer Diversität umgeht

 

  Inhalt

Das Wort Kultur wurde unzählige Male definiert und die meisten dieser Definitionen sehen Kultur als die Normen, Einstellungen, Werte und soziale Praktiken, die von Menschen desselben nationalen, ethnischen, sozialen oder religiösen Backgrounds geteilt werden. Kultur kann unsere Verhaltens- und Denkweisen und die Art, wie wir mit anderen kommunizieren und interagieren, beeinflussen. Kulturen sind so vielfältig wie die Menschen, die ihnen angehören. Es wird wahrscheinlich kaum überraschend sein, dass viele Theoretiker der interkulturellen Kommunikation sich des Eisberg-Modells zu bedienen, wenn sie den Begriff Kultur erklären (z.B. Hall 1989). An der Oberfläche gibt es leicht erkennbare Komponenten wie Kleidung, Essen, Musik oder Sprache. Unter dieser Oberfläche, sind jedoch auch noch Elemente, die man nicht gleich sehen und verstehen kann, wie z.b. Grundüberzeugungen und Haltungen, Vorstellungen von Zeit und Verhaltensmuster. (Halle 1989).

Unter dieser „Untergrundaspekten“ der Kultur finden sich auch Einstellungen zu Themen wie Altern, Sexualität und Geschlechterrollen, sowie zur Arzt-Patient-Interaktion, Vorstellungen von Bescheidenheit, Muster der verbalen und nonverbalen Kommunikation und Definitionen von Obszönität – all dies kann einen Einfluss darauf haben, wie eine Person aus einem bestimmten kulturellen Hintergrund mit einem im Gesundheits- und Sozialbereich arbeitenden Menschen interagiert und wie diese Person auf eine Diskussion über sexuelle Gesundheit reagiert. Insbesondere Überzeugungen und Einstellungen über Gesundheit und Krankheiten, Altern und Sexualität können durch den kulturellen Hintergrund einer Person beeinflusst werden. Zum Beispiel sah Roach (2004), dass PflegerInnen von schwedischen Pflegeheime zu Sexualität eine viel entspanntere Haltung hatten als ihre Kollegen in australischen Pflegeheimen, vor allem aufgrund der liberaleren kulturellen Einstellungen zu Altern und Sexualität, die in Schweden existiert.

Die Kultur- und Gesundheitseinschätzungswerkzeug CHAT (=Culture and Health Assessment Tool) kann als Teil des PLISSIT-Modells verwendet werden, wennmit einem Klienten/Patienten mit einem anderen kulturellen Background kommuniziert wird. (Rosen et al., 2004) in Verbindung steht. CHAT ist eine Checkliste mit 14 Punkten, die Kleinmans „Fragen um das Erklärungsmodell eines Patienten hervorzulocken"(Kleinman, Eisenberg & Good 1978) enthält. CHAT ist so konzipiert, dass es in vielen klinischen Situationen verwendet werden kann, aber mit einer leichten sprachlichen Anpassung, wie z.B. durch die Verwendung von "Problem" oder "Angelegenheit" für "Krankheit". Daher eignet es sich perfekt dafür, in das PLISSIT Modell integriert zu werden, wenn Fragen der Sexualität oder der sexuellen Gesundheit mit Kunden aus unterschiedlichen kulturellen und/oder sprachlichen Hintergründen besprochen werden müssen. Die Fragen sind so konzipiert, dass sie die Konversation anregen und dem Arzt/Berater o.ä.  "ein besseres Verständnis für das Gesundheitsmodell des Patienten, Gesundheitspraktiken und die Erwartungen an die Behandlung" geben (Rosen et al 2004:.127). Fragen, die für den speziellen Fall des Klienten nicht relevant sind, können natürlich weggelassen werden.

Kultur- und Gesundheitseinschätzungswerkzeug CHAT

(Culture and Health Assessment Tool)

  1. Wo es angebracht war habe ich die Rolle des Übersetzers/der Übersetzerin mit dem Patienten/der Patientin und dem/der Übersetzer/in besprochen.
  2. Was, denken Sie, hat Ihr Problem verursacht?
  3. Warum hat, denken Sie, Ihr Problem/Ihre Krankheit begonnen?
  4. Welchen Einfluss hat dieses Problem/diese Krankheit jetzt auf Sie?
  5. Wie schlimm, denken Sie, ist dieses Problem/Ihre Krankheit? Wird es Ihrer Meinung nach lange anhalten oder bald besser werden?
  6. Welche Ängste haben Sie in Bezug auf Ihre Krankheit?
  7. Was sind die größten Probleme, die für Sie durch die Krankheit entstanden sind?
  8. Wenn Sie ein Problem haben, bei wem suchen Sie Hilfe?
  9. Wen hätten Sie gerne in die weitere Behandlung miteinbezogen?
  10. Was haben Sie getan, um Ihre Krankheit zu behandeln/das Problem zu lösen?
  11. Welche Behandlung würden Sie gerne erhalten?
  12. Was sind für Sie wichtigsten Ergebnisse, die die Behandlung haben sollte?
  13. Gibt es einen Aspekt Ihres Lebens, mit dem die Behandlung in einem Interessenskonflikt stehen könnte
  14. Fühlen Sie sich mit unserer Entscheidung unwohl oder sind unsicher deswegen?

Reflexion

Eine Reihe von Fragen im Chat-Tool, vor allem die Fragen 6, 7, 8, 9 und 13 beziehen sich auf die Schnittstelle zwischen Pflege und sozialen, kulturellen oder religiösen Einflüssen. Reflektieren Sie jede dieser Fragen und überlegen Sie, wie die Gesellschaft und der kulturelle und/oder religiöse Background die Antworten eventuell beeinflussen könnte.

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Text für Einheit 2

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.