Einheit 3: Wohnpflegeeinrichtungen und Demenz

Das Bedürfnis und der Wunsch, sich sexuell ausleben zu können, enden nicht mit einem bestimmten Alter. Ebenso wenig enden sie, wenn eine Person einen Punkt in ihrem Leben erreicht hat, an dem sie in eine Pflegeeinrichtung ziehen muss, weil sie eventuell an einer altersbedingten kognitiven Beeinträchtigung wie z.B. Demenz oder Alzheimer leidet (Bach et al 2013;. Gott & Hinchliff 2003; Kontula & Haavio-Mannila 2009; Laumann et al 2004;. Lindau et al 2007;.. Moreira et al 2005 ). Obwohl die Forschung in diesem Bereich noch am Anfang steht, findet man in der vorhandenen Literatur, dass  es positive Auswirkungen sowohl auf die psychische, als auch auf die physische Gesundheit hat und viel zum allgemeinen Wohlbefinden der Betroffenen beiträgt, wenn die Patienten in Pflegeeinrichtungen ihre Sexualität leben können. Eine Studie, die unter den Patienten von Pflegeheimen in den USA durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass sexuell aktive Patienten, weniger Medikamente nehmen mussten, ein aktivere Sozialleben hatten, sich mehr sportlich betätigten und generell eine höhere Lebensqualität und Lebenszufriedenheit hatten. Sexuell inaktive Patienten wiederum hatten ein höheres Risiko für Probleme mit der Blase und dem Darm, Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz und des weiteren für psychische Erkrankungen (Bach et al. 2013).

  Einführung

Das Bedürfnis und der Wunsch, sich sexuell ausleben zu können, enden nicht mit einem bestimmten Alter. Ebenso wenig enden sie, wenn eine Person einen Punkt in ihrem Leben erreicht hat, an dem sie in eine Pflegeeinrichtung ziehen muss, weil sie eventuell an einer altersbedingten kognitiven Beeinträchtigung wie z.B. Demenz oder Alzheimer leidet (Bach et al 2013;. Gott & Hinchliff 2003; Kontula & Haavio-Mannila 2009; Laumann et al 2004;. Lindau et al 2007;.. Moreira et al 2005 ). Obwohl die Forschung in diesem Bereich noch am Anfang steht, findet man in der vorhandenen Literatur, dass  es positive Auswirkungen sowohl auf die psychische, als auch auf die physische Gesundheit hat und viel zum allgemeinen Wohlbefinden der Betroffenen beiträgt, wenn die Patienten in Pflegeeinrichtungen ihre Sexualität leben können. Eine Studie, die unter den Patienten von Pflegeheimen in den USA durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass sexuell aktive Patienten, weniger Medikamente nehmen mussten, ein aktivere Sozialleben hatten, sich mehr sportlich betätigten und generell eine höhere Lebensqualität und Lebenszufriedenheit hatten. Sexuell inaktive Patienten wiederum hatten ein höheres Risiko für Probleme mit der Blase und dem Darm, Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz und des weiteren für psychische Erkrankungen (Bach et al. 2013).

Forschungen bestätigen, dass die Rechte einer älteren Person, die in einem Pflegeheim wohnt, auf Selbstständigkeit und auf die Freiheit sich selbst ausdrücken zu können, respektiert werden müssen und nach Möglichkeit auf das Recht, ihre Sexualität auszuleben, erweitert werden sollten (Elias & Ryan 2011; Rheaume & Mitty 2008; Tarzia et al 2012). Dennoch ergeben sich für die PflegerInnen und BetreuerInnen solcher Einrichtungen Herausforderungen in Bezug auf das Recht der Bewohner sich sexuell auszudrücken, vor allem, wenn die ältere Person dement ist oder mit einer anderen Formen der kognitiven Beeinträchtigung lebt. PflegerInnen und BetreuerInnen müssen deshalb oft komplexe Themen gegeneinander abwiegen: die Autonomie und das Recht sich frei auszudrücken des Patienten gegen Fragen der Einwilligungsfähigkeit und möglicherweise gegen die Gefühle der Familienmitglieder, für die die Vorstellung, dass ihr/e geliebte/r ältere/r Angehörige/r sexuell aktiv ist, unbequem sein kann.

  Kerninformationen 

  • Ältere Menschen in stationären Einrichtungen sehen sich oft zusätzlichen Barrieren gegenübergestellt, was das Ausleben ihrer Sexualität angeht
  • Besonders bei älteren Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die in Pflegeeinrichtungen leben, kann es zu Barrieren kommen
  • Ältere Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen können ihre PflegerInnen und BetreuerInnen vor komplexe Herausforderungen stellen, besonders bei Fragen des Einverständnis und der Autonomie

  Lernziele 

  1. Beachten Sie die Barrieren zu einem gesunden Sexualleben in betreuten Wohneinrichtungen
  2. Sie besitzen Kenntnisse über die Art, auf die kognitive Beeinträchtigungen die sexuelle Ausdrucksfähigkeit beeinflussen können
  3. Sie kennen Strategien, die Menschen im Gesundheits- und Sozialbereich dabei helfen können, ältere Menschen zu ermächtigen

   Inhalt

Während viele ältere Menschen Barrieren im Bereich der Sexualität und Intimität erleben, können ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sein. Häufige Barrieren können sind die folgenden:

  • Einstellungen und Wahrnehmungen der Mitarbeiter, häufig aufgrund eines Mangels an adäquater Ausbildung
  • Bedenken über Ablehnung oder den Einspruch der Familie
  • religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Werte in Bezug auf Alter, Behinderung und Sexualität
  • Einstellungen und soziale Werte anderer Bewohner
  • strukturelle Faktoren, einschließlich Mangel an Privatsphäre oder Doppelbetten
  • restriktive Praktiken, Mangel an Richtlinien zu diesem Thema und eine konservative Einstellung

Eine der größten Barrieren ist oft die Einstellung des Pflegepersonals, die meist von mangelnder Ausbildung oder zu wenig Vertrautheit mit dem Thema kommt. Unter diesen Umständen sehen Mitarbeiter Sexualität oft als Problem oder als Verhaltensauffälligkeit und übersehen häufig das Bedürfnis nach Intimität, Liebe und Zuneigung. Die Einstellung der Mitarbeiter zu Sexualität ist oft von gesellschaftlichen Ansichten über Altern, Gebrechlichkeit und Sexualität geprägt und beinhaltet die üblichen Vorurteile. Aufgrund der weit verbreiteten Wahrnehmung, dass ältere Menschen gewissermaßen „asexuell“ sind, denken Mitarbeiter das sexuelle Beziehungen in diesem Alter unangebracht sind. Dies kann durch einen Mangel an Ausbildung und an entsprechenden Richtlinien, wie mit Sexualität in der Einrichtung umgegangen werden soll und wie den Bewohnern ein Sexualleben ermöglicht werden soll, noch verstärkt werden. Wenn kognitive Beeinträchtigungen eines Bewohners/einer Bewohnerin hinzukommen, wird die Situation noch komplexer. Das Pflegepersonal hat hier oft Bedenken, dass die Beziehung eher erzwungen ist und dass die Familie des Patienten/der Patientin nicht einverstanden ist und sogar rechtliche Schritte setzt.

Weitere Herausforderungen können für das Pflegepersonal entstehen, wenn es zwischen BewohnerInnen zu sexuellen Beziehungen und Aktivitäten kommt. Das Wichtigste dabei ist es, sicherzustellen das PatientInnen mit kognitiven Beeinträchtigungen ihr Einverständnis geben. Bei Patienten mit mäßiger bis fortgeschrittener Demenz, deren stimmliche Fähigkeiten möglicherweise begrenzt sind, kann es besonders schwierig sein, das Einverständnis zu erkennen. Als Folge hiervon, ist eine häufige Reaktion vieler Pflegeeinrichtungen auf sexuelle Beziehungen zwischen BewohnerInnen mit Demenz, die sowohl vom Pflegepersonal als auch von der Familie als problematisch angesehen werden, die daran Beteiligten voneinander zu trennen. Dies kann jedoch auf die betroffenen Menschen negative Auswirkungen haben – es kann ein Gefühl einer Notlage entstehen, weiters kann es möglicherweise ihre physische und psychische Gesundheit schädigen.

Fallstudie

Dorothy ist 82 und Bob ist 95. Beide Bewohner sind der gleichen Pflegeeinrichtung und beide leiden an Demenz. Dorothys Mann starb an einem Herzinfarkt vor sechzehn Jahren und Bob ist bereits dreifacher Witwer. Bob ist unter den weiblichen Bewohnern sehr beliebt, hat aber noch nie ein Interesse seinerseits angezeigt. Als Dorothy in die Pflegeeinrichtung zog, fühlte Bob sich jedoch sofort von ihr angezogen und dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie begannen zu flirten und immer häufiger zusammen ihre Zeit zu verbringen. Sie spielte Klavier und sie und gemeinsam sangen sie dazu. Nach kurzer Zeit wurde ihre Beziehung auch sexueller und Bob begann, die Nächte in Dorothys Zimmer zu verbringen. Er machte Dorothy sogar einen Heiratsantrag und begann, sie seine Frau zu nennen. Obwohl weder das Pflegepersonal der Wohneinrichtung noch Dorothys Familie ein Problem mit der Beziehung hatte, war Bobs Sohn nicht sehr glücklich, als er davon erfuhr, weil er die beiden eines Tages gemeinsam im Bett überraschte. Er fand, dass sein Vater alt war und lieber im Rollstuhl sitzen sollte und hatte Bedenken, dass Dorothy seinen Vater ausnutzte. Eine der Krankenschwestern, die mit Bob sprach, fand die Beziehung ebenfalls unangebracht. Zuerst hatte sie es süß gefunden, aber als die Beziehung sexueller wurde, begann sie dies aus religiösen Gründen abzulehnen und bat andere PflegerInnen um Hilfe bei ihrem Vorhaben, die beiden voneinander zu trennen. Konflikte entstanden zwischen den Mitarbeitern, was nun die beste Vorgehensweise war. Als Ergebnis begannen Bob und Dorothy sich heimlich zu treffen, wann immer sie konnten und ihre Intimität wurde immer „offensichtlicher und problematischer“. Eines Tages musste der Manager der Pflegeeinrichtung Bob davon abhalten, Dorothy in der Lobby zu befriedigen, während Dorothy ein Kissen geschickt auf ihrem Schoß plaziert hatte. Dorothys Tochter war glücklich, dass die beiden an ihrer Beziehung festhielten und machte sich Sorgen, dass die Versuche, das Paar zu trennen, für ihre Mutter Stress und Aufregung verursachen könnte. Ein Mediator wurde hinzugeholt, um zu versuchen, den Konflikt zu lösen, aber er konnte nichts erreichen. Schließlich ließ Bobs Sohn seinen Vater in eine andere Einrichtung verlegen. Dorothy konnte sich nicht einmal verabschieden. Danach begann Dorothys Gesundheit sich massiv zu verschlechtern, sie wurde depressiv und zog sich immer mehr zurück, hörte auf  zu essen, verlor neuneinhalb Kilo und musste wegen Dehydrierung ins Krankenhaus. Der Arzt meinte, der Verlust von Bob hätte sie umbringen können, nur der Alzheimer verhinderte dies, da er die Erinnerung an Bob relativ schnell verblassen ließ. (Henneberger, 2008).

Reflexion
  • Wie hat sich das Fehlen einer klaren Richtlinie für Sexualität auf die Situation ausgewirkt?
  • Wie hätte man die Kommunikation zwischen allen Parteien erleichtern und verbessern können?
  • Wie haben kulturelle/religiöse Hintergründe die Situation beeinflusst und wie hätte man das mildern können?
  • Haben Sie Ideen, welche Handlungen vielleicht zu einem anderen Ergebnis geführt hätten? 

 

 

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Text für Einheit 3

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.