Einheit 1: Beziehungen und Intimität

Die Entwicklung auch älterer Menschen ist individuell unterschiedlich. Diese Gruppe verfügt über eine größere Differenzierung/Individualisierung im Vergleich zu den Lebensphasen davor und ist auch weniger homogen.

 

  Einführung

Die Entwicklung auch älterer Menschen ist individuell unterschiedlich. Diese Gruppe verfügt über eine größere Differenzierung/Individualisierung im Vergleich zu den Lebensphasen davor und ist auch weniger homogen.

Bezüglich Sozialbeziehungen im Alter sind zwei Stereotype im öffentlichen Diskurs immer noch weit verbreitet:

Der Zerfall sozialer und  familialer Generationensolidarität trotz gegenteiliger empirischer Belege. Und die „Einsamkeit im Alter“ als  Thematik  im Rahmen defizitärer Bilder zum Alter.

Zentrales Element sozialer Integration in jeder Lebensphase sind gute soziale Beziehungen. Das Wohlbefinden auch von älteren Menschen wird von guten sozialen Beziehungen mitbestimmt. Signifikante Einflussfaktoren für Lebenszufriedenheit sind Zufriedenheit mit der erhaltenen Unterstützung und die wahrgenommene Stärke der sozialen Netzwerke (Bennett, Riedel 2013). Die Qualität der sozialen Beziehungen mit dem Vorhandensein mindestens einer Vertrauensperson ist wichtig für das Wohlbefinden der älteren Menschen. Gutes soziales Netz mit emotionaler wie instrumenteller Unterstützung wirkt sich positiv auf die Gesundheit wie auch auf den Behandlungserfolg bei sozio-medizinischen Interventionen aus (Meyer 2000). Gute Sozialbeziehungen sind von zentraler Bedeutung sozialer Unterstützung, etwa im Fall von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit eines älteren Menschen.

Forschungsarbeiten der Lebensspannenpsychologie (lifespan psychology) besagen, dass sich ontogenetische Prozesse (Entwicklung des Individuums) von der Empfängnis bis zum Tod erstrecken. Menschen wählen, beeinflussen und verändern im Einklang mit ihren altersspezifischen Aufgaben und Bedürfnissen ihre unmittelbare Umwelt und damit ihre sozialen Beziehungen über die ganze Lebensspanne.

Soziale Beziehungen im Alter können nach vier Hauptkriterien (Höpfinger 2014) unterschieden werden:

  1. Ehepartner leben zumeist im gleichen Haushalt und fungieren damit als Unterstützungspersonen im Alltag an erster Stelle. Alle anderen sozialen Beziehungen zu Verwandten und Freunden unterliegen dem Prinzip „Intimität auf Abstand“. Freunde Kinder, Enkelkinder, Geschwister usw. leben in anderen Haushaltungen.
  2. Familial-verwandtschaftliche Beziehungen versus nicht-familiale Beziehungen: Verwandtschaft hat einen höheren Stellenwert als Freundschaft. Ältere haben z.B. intensivere Kontakte zu ihren Enkelkindern als zu anderen Kindern oder Jugendlichen.
  3. Die Beziehung zu den Angehörigen sind zugeschriebene, zu den Freunden frei gewählt.
  4. Zugehörigkeit zur gleichen sozio-historischen Generation (Altersgruppe) versus Zugehörigkeit zu älteren bzw. jüngeren Altersgruppen Generationen.

Gerade für ältere Menschen ist eine glückliche Beziehung vom hohen Stellenwert. Frauen wie Männer bleiben nicht einfach mit ihrem Partner nur aus Gewohnheit, weil es sich so gehört oder wegen der Kinder zusammen. Die Älteren erleben sich heute selber als unbefangener und jünger und nicht mehr so an Konventionen gebunden wie die früheren Generationen.

Während allgemein die Zahl der Scheidungen leicht sinkt, trennen sich die Älteren immer öfter. Ein Grund könnte die wachsende Lebenserwartung sein und der damit möglicherweise verbundener Wunsch, noch einmal in ein neues Leben aufzubrechen. Ein weiterer Faktor für diese Entwicklung könnte die Individualisierung der Lebensführung sein. Nach wie vor stellen Paarbeziehungen jedoch eine wichtige Rolle, wenn Familien- und Berufsphase in den Hintergrund treten (Riehl-Emde 2008).

Als der entscheidende Faktor für Partnerschaftszufriedenheit wurde in der „Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters“ (ILSE) mit Fragen zur Bedeutung von Sexualität und Intimität im Alter die Zärtlichkeit identifiziert.

Körperliche Intimität dient dem Ausdruck von Sympathie und auch Empathie und ist die körperliche Nähe oder Berührung meist zwischen zwei Personen. Bei der körperlichen Intimität kann unterschieden werden zwischen:

  1. Körperlicher Nähe meint sympathiebasierte Berührungen zum Beispiel das Einhaken der Arme, den Wangenkuss, die begrüßende Umarmung und das Händehalten.
  2. Familiäre körperliche Intimitäten sind zum Beispiel das Streicheln, das Füttern, das Schmusen und das Tätscheln (sowie alle obigen Handlungen).
  3. Sexuelle Intimität meint zum Beispiel den Austausch von Zärtlichkeiten, das Küssen und sexuelle Praktiken aller Art (sowie alle obigen Handlungen).

Eine Enttabuisierung und Aufklärung bezüglich Intimität und Sexualität und weitere Beschäftigung mit dem Thema und Entwicklung tragfähiger Konzepte in den älter werdenden Gesellschaften scheint dringend geboten. In Alten- und Pflegeheimen muss, mit der Intimität und Sexualität als ein Grundbedürfnis welches zum Menschsein gehört, professionell umgegangen werden. Es muss ein Klima geschaffen werden, damit die Älteren ihre Intimität und Sexualität leben können, die schließlich im Artikel 1 Grundgesetz mit dem Recht auf ein Leben in Menschenwürde verbrieft ist.

  Kernaussagen

  1. Menschen wählen, beeinflussen und verändern im Einklang mit ihren altersspezifischen Aufgaben und Bedürfnissen ihre unmittelbare Umwelt und damit ihre sozialen Beziehungen.
  2. Die Gruppe der Älteren verfügt über eine größere Differenzierung/ Individualisierung im Vergleich zu den Lebensphasen davor und ist auch weniger homogen.
  3. Zentrales Element sozialer Integration in jeder Lebensphase sind gute soziale Beziehungen.
  4. Zärtlichkeit und Sexualität ist auch im Alter ein fester Bestandteil einer innigen Beziehung.

  Lernziele

  1. Das Erkennen der Bedeutung von Altersbildern für die eigene und die Wahrnehmung Älterer mit Reflexion der persönlichen Anschauungen.
  2. Bedeutung von sozialen Netzen mit emotionaler wie instrumenteller Unterstützung für Ältere  und die Auswirkung auf die Gesundheit wie auch auf den Behandlungserfolg bei sozio-medizinischen Interventionen.
  3. Die Bedeutung von Intimität und Sexualität auch im Alter als einen möglichen festen Bestandteil einer innigen Beziehung erkennen und fördern.

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Text für Einheit 1

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